Mit Dr. Oliver Bühler und Dr. Daniel Ulmer

Der Fahrer soll verzichtbar werden

Fahren wir noch das Auto in der Zukunft oder fährt das Auto uns? Um diese Frage zu beantworten ist es notwendig, enorm viele Testdaten zu sammeln und auszuwerten. Wie das funktioniert und welche Rolle die Daten eines Automobils in unserem zukünftigen Fahrverhalten spielen werden, erklären die Steinbeis-Experten Dr. Oliver Bühler und Dr. Daniel Ulmer.

Wer fährt eigentlich? Wir das Auto oder das Auto uns?

Herr Dr. Bühler, Herr Dr. Ulmer, seit 2005 beschäftigen Sie sich mit dem Test von Fahrerassistenzsystemen und mit der Entwicklung von eingebetteten Systemen, 2012 haben Sie auf Basis dieser Expertise die Steinbeis Interagierende Systeme GmbH gegründet. Dahinter steckt das sicherere, effiziente und effektive Beherrschen von enorm vielen Daten und sehr komplexen Algorithmen. Was fasziniert Sie daran?

Oliver Bühler: In der Simulation kann man Fahrerassistenzsysteme ganz anders untersuchen als im realen Fahrzeug. Zwar muss man immer in Betracht ziehen, dass die modellierte Umgebung zu einem etwas anderen Verhalten der Assistenzfunktion in der Simulation als im realen Fahrzeug führt, aber man kann dieses Verhalten sehr effizient in unterschiedlichen Umgebungen untersuchen und automatisiert an seine Grenzen bringen. Beeindruckend ist, wenn nach 36 Stunden Simulation aus einem harmlosen Ausweichmanöver eine kritische Situation entsteht, weil man den Computer verwendet hat, um die Grenzen des Fahrerassistenzsystems zu finden. Sowohl aus der Sicht des Testens als auch in unserer Softwareentwicklung beschäftigen wir uns mit den neuesten Technologien, um mit den verfügbaren Ressourcen bestmögliche Testergebnisse zu erzielen.

Intelligente Fahrerassistenzsysteme leisten heute nicht nur einen wesentlichen Beitrag zu Komfort, Sicherheit und Energieeffizienz, sondern greifen aktiv in die Fahrsituation ein. Welche Folgen haben solche Entwicklungen für die Mobilitätsbranche?

Daniel Ulmer: Der Fahrer soll verzichtbar werden. Studien zeigen, dass junge Menschen sich lieber mit dem Smartphone beschäftigen als mit einem Auto, das man warten, tanken und mit 100% seiner Aufmerksamkeit steuern muss. Sobald die Intelligenz der Fahrerassistenzsysteme einen Teil der Fahrstrecke autonom übernehmen kann, kann der Fahrer sich seinem Smartphone widmen, das Tanken und die Parkplatzsuche übernimmt das Fahrzeug selbstständig. Selbstfahrende Autos halten Autos für die Menschen attraktiv, denen es darum geht von A nach B zu kommen und nicht um ein besonderes Fahrzeug.

Vor dem realen Einsatz von autonom fahrenden Fahrerassistenzsystemen bedarf es enorm vieler Simulationen mit gigantisch großen Datenmengen. Was bedeutet das für die aktuell mittlerweile auch gesellschaftlich diskutierten „Fahrerersatzsysteme“, wenn hier ähnlich hohe Sicherheiten wie bei den autonom fahrenden Assistenzsystemen erreicht werden sollen?

Oliver Bühler: Ein wichtiger Faktor ist die Entlastung des Fahrers und wie diese Entlastungsaussage genau formuliert ist. Schon mit der Einführung des Tempomaten, der den Fahrer lediglich beim Betätigen des Fahrpedals entlastet, gab es Fehlinterpretationen und somit Unfälle, weil der Fahrer dachte, er könne das Fahrzeug ohne Aufsicht fahren lassen. Das heißt der Unterschied liegt darin, wie viel Verantwortung der Fahrzeughersteller übernimmt, um seinem Kunden zu erlauben, die Aufmerksamkeit von der Straße zu nehmen. Möchte der Hersteller sicher sein, dass das Fahrzeug in vielen Situation und Umgebungen richtig reagiert und gleichzeitig dem Fahrer erlauben seine Aufmerksamkeit von der Straße zu nehmen, so ist dies beim momentanen Stand der Technik nur durch die zusätzliche Simulation von möglichst vielen, repräsentativen Szenarien möglich. So einfach es klingt, der Haupttreiber für das steigende Simulationsvolumen ist, in welcher Umgebung und für welche Zeitdauer der Fahrzeughersteller über seine Software Verantwortung für die Fahraufgabe übernimmt.

Herr Dr. Ulmer, wie sehen Sie das: Werden in Zukunft die Daten eines Automobils den Fahrer dulden, der Fahrer die Automobilität stören oder eher der Fahrer die Daten für seine persönliche Mobilität nutzen?

Letzteres wird sicherlich eintreffen. Denn mit der Vernetzung der Fahrzeuge werden die übermittelten Daten für eine verbesserte Routenplanung und Warnung vor Gefahren genutzt. Zum einen weil ohne diese Nutzung autonomes Fahren derzeit als nicht machbar gilt und zum anderen weil der Kunde davon einen direkten Mehrwert hat.

Erhobene Daten sind sowohl Chance als auch Risiko, da vorhandene Daten ausgewertet werden können. Basierend darauf muss jeder Mensch selbst entscheiden, inwieweit er das Fahrverhalten des Fahrzeugs beeinflussen oder überstimmen möchte. Es ist damit zu rechnen, dass zukünftig viel detaillierter eine sachliche Rekonstruktion von Abläufen auf der Straße möglich sein wird.

Technisch geht autonomes Fahren somit nur mit genauer Kenntnis der Gesamtsituation. Ob und wie diese Information für oder gegen einen Fahrer eingesetzt werden kann, ist keine technische Entscheidung. Diskussionen zum Umgang mit Daten über Verkehrsabläufe gab es bereits mit der Einführung der Mautbrücken.

Kontakt

Dr. Oliver Bühler und Dr. Daniel Ulmer sind geschäftsführende Gesellschafter der Steinbeis Interagierende Systeme GmbH. Das Steinbeis- Unternehmen ist Systemlieferant und Entwicklungspartner für alle Aufgaben beim Test von eingebetteten Systemen. Schwerpunkte sind die Konzeption, die Entwicklung, der Aufbau und der Betrieb von Teststrategien und Testplattformen für den Test von Fahrerassistenzsystemen. Für die Entwicklung einer innovativen Testumgebung und von Softwarewerkzeugen für moderne Fahrerassistenzsysteme wurde das Steinbeis-Team 2015 gemeinsam mit der Daimler AG mit dem Transferpreis der Steinbeis-Stiftung – Löhn-Preis ausgezeichnet.

(Quelle: Transfer Magazin Steinbeis Stiftung Ausgabe 1 / 2017, April 2017)

Zurück